Stipendiaten berichten

Mit Berichten von
Mayumi Kanagawa
und Marc Kopitzki

Gedanken über die Campanula, nach sechs Monaten

von Mayumi Kanagawa , Studentin für Violine an der Hanns-Eisler-Musikhochscule Berlin
Stipendiatin von Campanula Musica e.V. vom Sept.2015-März 2016

Mein erster und stärkster Eindruck von der Campanula, als ich das Instrument zum ersten Mal hörte und spielte, war der einer Kirche. Die Resonanz, der Nachklang, und auch die Lautstärke der Akkorde  an meinem Ohr waren so, als spielte ich in der Ecke einer Kirche statt in einem Wohnzimmer mit Teppich und vier Wänden.

Mein ehmaliger Geigenlehrer sagte immer: „Als Geiger spielst du zwei Instrumente- die Geige und den Saal.“ Mit der Campanula nimmt man beide in die Hand, und man beherrscht die Kirchenakustik innerhalb des Instruments.

Den Namen „Viola d’amore“ hatte ich schon irgendwann gehört, aber ich wußte kaum, was das sei und wie sie aussieht. Nachdem ich gehört hatte, die Campanula sei etwas Ähnliches, bin ich auf Youtube gegangen und habe mir Videos der Viola d’amore geguckt, von Vivaldis Viola d’Amore- Konzert bis zum tunesischen Musiker Jasser Haj Youssefs und seinen eigenen Kompositionen auf dem Instrument. Die Viola d’amore hat etwas gemeinsam mit dem Klang der Campanula, aber der gesamte Eindruck ist doch sehr anders, vom Aussehen bis zum Spielen, und in dem Unterschied wie viele Saiten man spielen kann! Die Musik für die Viola d’amore bietet allerdings viele interessante Ideen, was man auf der Campanula umsetzten könnte.

Ich interessiere mich gerade ein bisschen für indische Musik, wo auch eine Art Geige gespielt wird, und da habe ich manche Sachen versucht  auf der Campanula nachzumachen- das war wirklich super.

Das andere für mich ein bisschen überraschende Instrument, das sich in Bezug auf die Campanula anzugucken lohnt , ist die Gitarre. Ein Gitarrist und Freund ist zu einem Campanula- Konzert mitgekommen und war neugierig, ob Resonanzseiten auf einer Gitarre gingen. Es war lustig, sich mit ihm darüber Gedanken zu machen- vielleicht wird es der Lautstärke des Instruments helfen? Aber die Gitarre hat schon ganz natürlich einen Nachklang, der einer Campanula auf eine Weise ähnelt.

Ich weiß akustisch/physikalisch nicht, woran das liegt, aber wenn man in die andere Richtung sieht und die Campanula auf die Gitarre bezieht, öffnen sich viele Möglichkeiten, die auf einer normalen Geige nicht ganz so gut wirken würden: die Campanula als ein Begleitinstrument, auf dem ich Akkorde und Harmonien laut und leise,  aber trotzdem immer sehr klangvoll spielen kann. Diese Gelegenheit war gut ausgenutzt von dem Jazzcellisten Stephan Braun, als er im Konzert das Campanula Cello spielte. Es wäre wieder eine andere Möglichkeit, die Campanula mit einem solo-geeigneten Instrument wie der normalen Geige oder einer Singstimme zu kombinieren.

Technisch war das Pizzicato (zupfen) ein  faszinierender Aspekt auf der Campanula. Auf einer Geige klingen die Töne sehr begrenzt, einschließlich der Töne, die eine mitschwingende leere Seite haben. Auf der Campanula-Geige schwingen 7 Resonanzseiten, die —möglicherweise auf die Tonart eines Stückes bezogen— dem Pizzikato einen schönes volles Klangbett geben.

In einem der Konzerte haben wir Mozart’s Variationen „Vous-dirais-je Maman“ in
verschiedenen Kombinationen als Klavierquartet gespielt. Das andere Mal, als ich drei
Campanulas—-Geige, Bratche und Cello-—zusammen gehört habe, war bei einem früheren Hauskonzert, als Auszüge von Bachs Goldberg Variationen gespielt wurden. Ich saß weiter hinten als normalerweise bei diesem Konzert und war ein bisschen überrascht, denn ich merkte nicht so stark, dass überhaupt Campanulas spielten. Es klang eher nach fast normalen Instrumenten, die aber eine besonders schöne Rundheit und Weichheit im Ton hatten. Von meinen bisherigen Erfahrungen bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass sich der Effekt der Resonanzseiten ändert mit dem Abstand des Zuhörers.  Als Spieler eines normalen Instrumentes ist man sich auch bewusst, dass manches Kratzen im Ton in der Distanz zum Beispiel als Klarheit übersetzt wird. Diese Veränderung passiert offensichtlich in verschiedenen Aspekten des Tons auch bei der Campanula. Mir hat diese Erfahrung mit Bach die Idee gegeben, die Campanula sei für kleinere Räume sehr schön geeignet, wie wir das eben bei diesen Campanula-Konzerte haben. Was ich noch nicht gemacht habe und gerne machen würde, ist das Ausprobieren in einem großen Saal, besonders im Vergleich zu einer normalen Geige.

Diese Zeit mit der Campanula ist informativ gewesen und hat auch viel Spaß gemacht, sowohl beim selbst spielen als auch durch die Gelegenheiten, bei den Konzerten Leute kennenzulernen zuzuhören und miteinander zu spielen.

Aber es gibt noch Vieles, das ich auf der Campanula ausprobieren und arbeiten könnte und möchte, und ich hoffe, es wird noch in Zukunft diese Gelegenheiten geben!

Ganz herzlichen Dank an Hans-Jürgen Cramer und Campanula Musica!

Bericht über die Erfahrungen mit der Campanula

von Marc Kopitzki — Student für Viola an der Musikhochschule Lübeck
Stipendiat von Campanula Musica e.V. Juli-Dezember 2015

Meine bisherige Zeit mit der Campanula Viola war eine spannende und bereichernde.
Sowohl die Beschäftigung mit dem Instrument und der Improvisation als auch die
Mitgestaltung an den Konzerten durch die Epochen waren sehr inspirierend.

Vom spieltechnischen her ist die Campanula dem normalen Instrument sehr ähnlich,
durch die Resonanzsaiten jedoch wird das Schwingen der Saiten unterstützt, sodass man
weniger Aufwand in der Tonproduktion braucht.
Das Instrument beginnt also leichter zu klingen.
Auch nach dem in Schwingung bringen der Saiten ist mehr Passivität erforderlich, da die
Resonanzsaiten nachklingen. Man ist also im Vergleich zum normalen Instrument
weniger mit der Aufrechterhaltung des Klanges beschäftigt.
Das wirkt sich grundsätzlich auf mein Hören aus. Ich höre mehr in den Nachklang hinein, der im Raum entsteht,  was wiederum die Tempi beeinflusst.
Einem Satz aus einer der Bach- Suiten beispielsweise würde ich auf der Campanula
mehr Zeit geben als auf dem normalen Instrument, das Spiel ist also passiver.
Schneller gespielte Musik bietet sich dann an, wenn der Tonumfang und die Harmonik
überschaubar sind, dann klingen die Töne gut ineinander.
Manchmal erhält mein ein Cluster aus vielen – im klassischen Sinne – Dissonanzen, was
allerdings auch für modernere Kompositionen sehr interessant sein kann.
Ein gutes Beispiel für einen überschaubaren Tonumfang in schnellerem Tempo ist
beispielsweise das 2. Streichquartett von Philip Glass, das ich in einem der Hauskonzerte
mitgespielt habe.

Die Hauskonzerte, an denen ich bisher mitwirken durfte, empfand ich als sehr gelungen.
Ich finde, dass sich die Campanula – Instrumente in allen Epochen sehr gut bewährt
haben. Für meinen Geschmack haben die Instrumente in der Kammermusik bei den
minimalistischen Werken (Glass, Satie etc.) am besten ihre Wirkung gezeigt, waren im
solistischen aber auch hervorragend für die alte Musik (Marais, Biber, Bach) geeignet.
Ich hatte das Gefühl, eine Kirchenakustik im Instrument mit mir zu tragen.

Besonders beeindruckt hat mich das kürzlich stattgefundene Konzert mit Jazzcellisten Stephan Braun, der seine unglaublichen und ganz besonderen Cellotechniken präsentiert hat. Auch das hat auf dem Campanula – Cello wunderbar funktioniert, es könnte allerdings meiner Meinung nach mit elektronischen Effekten sogar noch interessanter gestaltet werden.

Ein ganz zentrales Element der meisten Hauskonzerte war die Improvisation auf den
Campanula – Instrumenten, was für mich persönlich der spannendste Teil während der
bisherigen Beschäftigung mit der Bratsche war.
Die Improvisation ist heute in der klassischen Musik und deren Ausbildungsstätten leider
so gut wie gar nicht mehr vorhanden. Es geht um reine Reproduktion und Restaurierung
der alten Meister und dies ist sicherlich eine spannende und interessante Aufgabe.
Das spontane Umwandeln von Emotionen in Klänge aber, also quasi frei von der Seele zu
spielen, dies ist den meisten klassischen Musikern fern und wird selten in angemessenem
Umfang gefördert.

Das Improvisieren ist mittlerweile Teil meines musikalischen Alltags geworden und wirkt
sich in jeder Hinsicht positiv aus.
Es hilft mir, das Repertoire immer wieder aus neuen Blickwinkeln zu betrachten, es lässt
mich Abstand nehmen von Kategorien wie „gut“ oder „schlecht“.
Beim Improvisieren kann ich das eigene Spiel wertungsfrei beobachten, was mir sonst im
klassischen Musikalltag schwerer fällt.

Außerdem können die klanglichen Eigenschaften der Campanula eine sehr beruhigende
Wirkung haben. In stressigen Zeiten kann ich entspannen und „runterkommen“, ähnlich
einem zeitlosen, meditativen Zustand.
Besonderen Spaß machen mir beim Improvisieren mit der Campanula einige spezielle
Spieltechniken, die auf dem Instrument durch die Resonanzsaiten eine viel größere
Wirkung erzielen. Sul ponticello, Pizzicato, Flageolett sind dafür Beispiele.

Vielen Dank für die tolle Zeit und die Förderung an Sabine Knapp- Lohmann, Georg
Faust, und den Campanula Musica e.V.
Marc Kopitzki